[quebec]

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[kanada]  







[Julie] Im Herbst 1990 habe ich mich spontan entschlossen eine gute Freundin, Julie, die ich im Sommer desselben Jahres in Frankreich kennengelernt habe, zu besuchen. Da sie aus Kanada kam, genauer gesagt aus Québec, dem französisch sprachigen Teil Kanadas, war das die erste größere Reise über die Grenzen Europas hinaus.
Als günstigster Reisezeitpunkt hatte sich die Zeit über Weihnachten und Silvester ergeben.

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MONTREAL

Der Flug ging mit einer British Airways-Maschine von Berlin-Tegel über London-Heathrow nach Montréal-Mirabel.

Die Stadt liegt - wie das alte Paris auch - auf einer Insel am Zusammenfluß von St. Lawrence und Ottawafluß in der Provinz Québec. Diese Insel ist annähernd 50 Kilometer lang und bis zu 16 Kilometer breit. Die höchste Erhebung ist der 250 Meter hohe Königsberg, nach dem Montréal benannt ist. Vor den ersten weißen Einwanderern hatten die Indianer bereits die ideale Lage der Insel erkannt, denn schon 1535 fand der erste Entdecker Jacques Cartier am Mont Royal eine Siedlung der Irokesen vor. Samuel de Champlain nutzte als erster Weißer den günstig gelegenen Ort als Basis für die weitere Erschließung des Hinterlandes und errichtete einen kleinen Handelsposten. 1642 wurde dann die erste französische Mission erbaut.

Die zweitgrößte Stadt Kanadas nach Toronto ist ein Konglomerat wildwuchernder Viertel mit einem bunten Völkergemisch. Berühmt ist die "Ville souterraine". Ein über 12 Kilometer langes unterirdisches System von Tunnels, Einkaufspassagen und begrünten Innenhallen, die alle durch die Métro miteinander verbunden sind. Dazu zählen auch unzählige Restaurants und Boutiquen sowie Hotels und Kinos, die allesamt zum Schutz vor den strengen Wintern unter die Erde verlegt wurden.

Netterweise wurde ich direkt am Flughafen abgeholt. Natürlich war die Wiedersehensfreude nach etwa 5 Monaten groß. So konnte das nicht besonders tolle Wetter die Stimmung nicht trüben. Der erste Weg führte in das Hotel Casa Bella in der Innenstadt.
[Garten] Eines unserer ersten Ziele ist der botanische Garten in der Nähe des Olympiakomplexes im Ostteil der Stadt, der auch eine gute Gelegenheit bietet dem Regen zu entfliehen. Der Park gehörte mit 30 Themengärten, 10 Gewächshäuser und über 30.000 Pflanzenarten noch 1990 zu den drei größten in der Welt. Die Fahrt dorthin mit der Métro (Station PIE-IX etwa 15 Minuten vom Stadtzentrum) kann man nur empfehlen. Die Stationen sind alle künstlerisch eindrucksvoll gestaltet worden.
Neben Unmengen von Pflanzen beherbergt der Garten auch eine sehr interessante Sammlung von asiatischen Bonsai-Bäumen sowie ein Insektarium (30 Länder sind hier vertreten). Darüber hinaus gibt es einen chinesischen und einen japanischen Garten, jeweils mit Pavillion.
[Olympia] Vom botanischen Garten ist es nur ein Katzensprung zum angrenzenden Olympiakomplex. In Montréal fanden 1976 die Olympischen Sommerspiele statt. Eine grandiose Anlage, deren Kosten jedoch eher ruinös waren.
Das Gebiet auf dem sich der Olympiakomplex befindet, wird bereits seit 1912 als Sport- und Freizeitstätte genutzt. Allerdings damals noch zur Stadt Maisonneuve gehörend. Das Highlight im Park ist natürlich das 54 Meter hohe Olympiastadion (für 70.000 Zuschauer) mit der einzigartigen flexiblen, hängenden Dachkonstruktion des französischen Architekten Roger Taillibert, die zwischen April und Oktober vom benachbarten Turm aus geöffnet werden kann und erst 1987 fertiggestellt wurde. Das Öffnen oder Schließen des Daches dauert etwa 45 Minuten. Dazu sind insgesamt 46 Winden perfekt aufeinander abgestimmt. Die Befestigung der etwa 18.500 m2 großen Fläche erfolgt an insgesamt 26 Punkten. Der Turm stellt die Verbindung zur benachbarten Schwimmanlage her, die insgesamt 6 Becken beherbergt. Die insgesamt sechs Etagen sind mit allen technischen Raffinessen ausgestattet.
Auf dem Gelände befinden sich außerdem das Velodrom (Radrennbahn, Schlittschuhlaufen, Boxen, Ringen, Basketball).
[Basilica] Am nächsten Tag geht es nach Downtown in die Innenstadt. Das Programm ist vielfältig:
Basilique de Notre-Dame:
Ein riesige neugotische Kirche mit Sitzplätzen für 5.000 und Stehplätzen für 2.000 Gläubige. Erbaut wurde die Kirche 1829 aus Montréaler Kalkstein. Die Innenausstattung und der Altar sind imposant. Dazu zählt auch die Orgel mit insgesamt 5.772 Pfeifen. Entworfen wurde die Kirche von James O'Donnell, einem irischen Protestanten aus New York, der nach der Fertigstellung zum Katholizismus übertrat.
Die große Glocke im Westturm wiegt 12 Tonnen. Sie wurde früher von 12 Männern geläutet. Heute erledigt das die Elektrik.


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TROIS-RIVIERES


Von Montréal geht es durch verschneite Landschaften weiter in Richtung Norden nach Champlain, wo die Familie von Julie lebt.

Die nächst größere Stadt ist Trois-Rivières. Der Ort wurde 1634 gegründet und ist damit eine der ältesten französischen Siedlungen in Nordamerika. Noch heute stehen manche Häuser aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert. Eines der ältesten Häuser der Stadt, das "De Tonnancour House", stammt aus dem Jahr 1723 und diente unter anderem als Soldatenquartier und Bischofssitz.

Weitere Sehenswürdigkeiten sind die 1854 erbaute gotische Kathedrale, die Kirche Notre-Dame-du-Cap und der "Les Forges du Saint-Maurice National Historic Park". Hier wurde Kanadas erstes Eisen verhüttet. Reste der von 1729 bis 1883 benutzten Schmiede sind noch zu sehen.

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CHAMPLAIN


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Nach unserer kurzen Stippvisite in Trois-Rivières geht es weiter. Wir erreichen den Heimatort von Julie, Champlain. Eine Kirche (Bild rechts), ein Postamt (Bild mitte) und wenn ich mich recht erinnere so an die 900 Einwohner. Alles ist tief verschneit und der Himmel ist blau. Von dem Ort geht eine angenehme Ruhe aus.
Das Haus in dem Julie mit ihrer Familie wohnt (Bild unten links), steht auf einem Grundstück am St. Lorenz-Strom, der seit einigen Jahren im Winter immer seltener zufriert. Hier wohnen insgesamt vier Personen und eine Katze. Für die zwei Wochen meines Besuches werde ich im Zimmer der Schwester einquartiert. (Bild unten mitte). So habe ich Gelegenheit für eine kurze Zeit am täglichen Familienleben teilzunehmen und mein Französisch anzuwenden. Das größte Interesse gilt den Veränderungen im wiedervereinigten Deutschland. Hier, tausende Kilometer entfernt, hat man nur sehr verschwommene Vorstellungen von dem, was in Deutschland so vor sich ging und geht. So muss ich mir den Mund fast fusselig erzählen.

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Ein Highlight ganz besonderer Art ist der Heilige Abend. Ein Großteil der Familie ist angereist. Zuerst geht es in die Kirche. da ich noch nicht lange hier bin und es nach unserer Zeitrechnung etwa früh um sechs ist, habe ich arge Probleme wach zu bleiben.
Der eigentliche Abend wird mit einem jährlichen Brauch eingeläutet, den ich als sehr angenehm empfand. Jedes Familienmitglied bringt zu einem vorher festgelegten Oberbegriff bereits eingepackte Geschenke mit. In diesem Jahr war das Thema "Socken und Strümpfe". Insofern wurde eine Trennung nach Männlein und Weiblein erforderlich. Die Geschenke wurden gestapelt und dann wurde die Reihenfolge der Auswahl ausgelost (meine ABS-Socken habe ich ein paar Jahr benutzt). Da das Thema teilweise sehr locker genommen wurde und auch Männer mit Strumpfhosen bedacht wurden (sofortige Anprobe inbegriffen), war die Stimmung wirklich optimal. Überhaupt wurde der Abend sehr gesellig und mit sehr vielen Spielen verbracht. Mein Geschenk an die Familie, eine Pyramide aus dem Erzgebirge kam bei den kitschverliebten Amerikanern bzw. Kanadiern gut an und wurde nur noch von einem wahnsinnig geschmückten Baum übertroffen, dessen Grün unter all dem Schmuck und Lametta kaum zu erkennen war (Bild oben rechts).



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QUEBEC


Während sich die Hauptstadt mehr an amerikanischen Trends orientiert, hat Québec sich eine gewisse "französisch" geprägte Eigenständigkeit bewahrt. Die Stadt hat ihre Anleihen unübersehbar bei der französischen Republik genommen. So trägt das Provinzparlament den Namen Assemblée Nationale. Die Einwohner wachsen hier faktisch zweisprachig auf.
Das historische Zentrum der Stadt ähnelt besonders in den Stadtteilen am St. Lorenz-Strom französischen Atlantikhäfen. Die Straßen und Plätze auf dem Felsplateau erinnern eher an das Quartier Latin oder Montmartre.
Der Name Quebéc bedeutet übersetzt soviel wie "wo der Fluß sich verengt". Beim Blick auf den nahen St. Lorenz-Strom wird diese Bezeichnung deutlich. Der alles überragende Felsen wurde Cap Diamant getauft, nach den Glitzersteinen, die Jacques Cartier 1535 fälschlicherweise für Diamanten hielt. Der Reichtum der Stadt stammte dagegen eher von Pelzen, Holz, Schiffbau, Gerbereien, Möbeln und Textilien. Die Bedeutung ließ erst mit den aufkommenden Schienenverbindungen nach. Heute lebt die Stadt eher vom Tourismus bzw. dem Status der Provinzverwaltung.

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Die wohl berühmteste Sehenswürdigkeit der Stadt ist sicherlich das imposante Château Frontenac, das weithin sichtbare Wahrzeichen der Stadt. Seit 1892 überragt das Hotel die Stadt und erinnert im Aussehen eher an eine Festung. Die von Gotik und Renaissance inspirierten Märchentürme sind Teil des reizvollsten Hotels aus der Zeit der bombastischen Grandhotels, die die Canadian Pacific und die Canadian National Railway Eisenbahngesellschaften als Zeichen ihrer Macht überall ins Land bauten. Namensgeber war Graf Louis de Frontenac, der im 17. Jahrhundert clevere Geschäfte mit den Indianern machte.

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Weitere interessante Sehenswürdigkeiten sind der Place d'Armes, verschiedene Museen, die anglikanische Holy Trinity Cathedral von 1804, die wie eine respektvolle Imitation der Londoner St. Martin-in-the-Fields wirkt und der alte Hafen.
Außerhalb der Stadtmauer gelangt man zur 1750 von den Franzosen zum Schutz vor den Briten errichteten sternförmigen Zitadelle. Die Briten wiederum erweiterten die Anlage um sich vor den Amerikanern zu verteidigen. Die Kanonen haben jedoch nie einen Schuß abgegeben. Nach den Briten wurden die Kanadier die Hausherren. Heute liegt hier das 22. Regiment. Im Sommer sind (jedenfalls war das Anfang der 90er Jahre so) regelmäßig Wachablösung und Zapfenstreich zu besichtigen.

Leider ist unser Besuch auf einen Tag beschränkt. Die Temperaturen liegen bei etwa Minus 20°. Da die Kälte aber im Gegensatz zur Heimat sehr trocken ist, läßt es sich aushalten.



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